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Kempowski und Schippmann:
Zwei Rostocker Schulfreunde - zwei deutsche Leben
Karl-Friedrich Schippmann und Walter Kempowski – das sind zwei deutsche Leben. Parallelen und Gegenströme. Geteilte Biografien unter dem geteilten Himmel. Und es sind Wege, die erst spät wieder aufeinander treffen. Zwei deutsche Biografien.
Das Parallele: Geburtsort Rostock, Jahrgang 1929, dieselben Bildungsorte und Kindheitserlebnisse: Sieben-Linden-Schule und darauf folgend das Goethegymnasium; Drill in der Hitlerjugend, Chorsingen und Theaterspiel. Letztes Aufgebot der braunen Barbaren. Kein Kind mehr und noch kein Mann, mit 15 Luftwaffenkurier.
Die Gegenströme: Walter Kempowski – aus dem Nachkriegs-Rostock ausgezogen – kommt während seiner Kaufmannslehre, die er in der Westzone absolviert, 1948 auf Besuch in die Heimatstadt an der Warnow – da fassen ihn die Häscher des sowjetischen Geheimdienstes NKWD. Spionage, lautet der konstruierte Vorwurf. Es werden acht qualvolle Jahre im berüchtigten Zuchthaus Bautzen; 1956 wird er vorzeitig entlassen, geht gen Westen.
Gleicher Zeitablauf, Ost. Karl-Friedrich Schippmann macht 1949 in Rostock sein Abitur. Das Studium der Germanistik und Anglistik in Rostock und Greifswald schließt sich an.
West: Kempowski holt in der Freiheit sein Abi in Göttingen nach, wird Dorfschullehrer im niedersächsischen Nartum.
Schippmann unterrichtet zuerst in Rövershagen, dann folgt seine lange Zeit als beliebter Lehrer an der Herder-EOS Rostock von 1955 bis 1986.
Kempowski schreibt sich sein Hafttrauma von der Seele: „Der Block“.
Schippmann schreibt Zensuren und sammelt Geschichte.
Auch wenn sich die Gesichter nicht mehr begegnen, bleibt vieles bewahrt. Karl-Friedrich Schippmann: „Es gab eine innere Verbindung, die aber unter sozialistischen Verhältnissen nicht wirklich realisierbar war. Wir hatten keinen Kontakt, weil ich Angst hatte, mit einem so genannten Feind der DDR zu korrespondieren. Und deshalb gab es einen Umweg über das westdeutsche Glückstadt. Da war ein Schulfreund von mir.“ Briefe gehen von West nach Ost und umgekehrt.
Walter Kempowski war und blieb sein Leben lang Rostocker, seine Wurzeln lassen ihn nicht los.
Die hohe Kunst der Autobiografie mit dem Hintergrund Rostock und doch exemplarisch für das zerrissene Deutschland: Die Romane „Tadellöser und Wolff“, „Uns geht’s ja noch gold“, „Herzlich willkommen“.
Die Verfilmung von Kempowskis Chronik der Deutschen 1975 bringt den Durchbruch. Der Autor ist in vieler Munde. Bis auf einige DDR-Insider aber nur in der Bundesrepublik. Sein Werk wird vom Realstalinismus verschwiegen, zu klar und ehrlich beschreibt er neben der Schuld der Kriegsdeutschen den Frevel der Sowjetsieger, zu unmissverständlich bekennt er sich zur bürgerlichen Ordnung.
Lehrer Schippmann und Lehrerin Anne-Luise Schippmann mit Westkontakten? Ein Unding in der geschlossenen Gesellschaft DDR. Und doch: Ein Buch kommt an …
Karl-Friedrich Schippmann: „Es war ein Westpaket, wie es damals hieß. Und darin war in Backfolie eingewickelt ,Tadellöser & Wolff’. Sofort fing ich an zu lesen und merkte – das könnte auch meine Kindheit gewesen sein: Die Lehrer, die kannte ich doch alle, und ich wusste, wie sie in Wirklichkeit hießen, denn im Buch sind die Namen alle etwas verändert. Und dann stellte sich auch noch heraus, dass ein Mädchen, in das sich Walter Kempowski verguckt hatte – die Köster mit der Innenrolle – jenes Mädchen war, das wir beide kennenlernen wollten.“
Buch folgt auf Buch. Kempowski wird ein hochproduktiver Erzähler und Romancier; das Gedächtnis einer Epoche. Er wird mehr und mehr der Chronist deutscher Realität und Befindlichkeit.
1989: Friedliche Revolution, Aufbruch in der DDR, die Implosion des Bonzen-Systems, die ersehnte Wiedervereinigung, Kempowskis Wiedersehen mit Rostock, in seinem Buch „Hamit“ und anderen hat er es festgehalten.
Ein handschriftlicher Brief von Schulfreund „Schippi“ an „Kempi“. Und dann das Wiedersehen nach dieser Ewigkeit.
Die schöne Folgewirkung für Rostock: Anne-Luise und Karl-Friedrich Schippmann bauen das Kempowski-Archiv des Universalsammlers in einem Haus im Klosterhof auf – erst geduldet, dann gemocht, und später sogar mit Hilfe der Hansestadt.
Der menschliche Kontakt zu Walter und Hildegard Kempowski lässt viele Episoden wieder wach werden. Karl-Friedrich Schippmann erinnert sich: „Getrennt voneinander sind Walter Kempowski und ich einmal durch die von Bomben getroffene Jakobikirche geklettert. Sie war ja schon mitten im Krieg eine Ruine. Da kam man, was streng verboten war, an die Glasscheiben heran, und da hab ich mir in Erinnerung an Sankt Jakobi eine Scherbe mitgenommen, die ich bis heute verwahre. Als Kempi dann nach der Wende zu uns kam, da sagte ich ihm: Hier in das Buch von Tadellöser & Wolff habe ich die seltene Scherbe geklebt. Ich trenne sie durch und du bekommst die Hälfte davon ab. Er lehnte ab. Kurze Zeit später, als wir dann bei ihm in seinem Haus in Natrum zu Gast waren, stellte sich heraus – er hat einen ganzen Karton mit Scherben der Jakobikirche.“
Kempowski und Schippmann, zwei deutsche Leben, die die Wiedervereinigung wieder vereint hat. Ein personifizierter Glücksfall der Geschichte.
Als am 5. Oktober 2007 Kempowski 78-jährig einem Krebsleiden erlag – das war ein schlimmer Tag für seinen Schulfreund Schippmann. Doch der Tiefenmesser zwischen Geschichte und Gegenwart behält seine feste Heimat im Herzen der Familie Schippmann und der ganzen Nation.
Wolfgang Grahl
Die Scherben von Sankt Jakobi
Freitag, 3. September 2010
Titelfoto: Walter und Hildgard Kempowski bei der Verleihung der Ehrenbürgerschaft 2005 im Rostocker Rathaus.
Bild rechts: Karl-Friedrich und Anne-Luise Schippmann mit Wolfgang Grahl, dem Autor dieses Beitrages.
Foto: privat, 2010
Foto: Dietmar Lilienthal
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