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Die sommerlichen Open-Air-Veranstaltungen in der Hansestadt Rostock neigen sich dem Ende und sind bald abgefeiert. So auch auf dem Altstadthügel: Rostocks ältestem Stadtkern mit dem Alten Markt und der Petrikirche, die im Jahr 1252 erstmals erwähnt wurde. Die Rostocker Stadtverwaltung hat zwar den Wasserlauf in der Grubenstrasse still- und demzufolge trockengelegt, damit den beherzten Bewohnern der Östlichen Altstadt aber längst nicht das Wasser abgegraben. Was sich da hinterrücks vom Rathaus entwickelt, ist am Bildhaftesten mit der Mauser des hässlichen Entleins zum weißen Schwan zu bezeichnen. Und das fast ohne Wasser. Denn immerhin erreichten die engagierten Mitglieder des Vereins zur Förderung der Östlichen Altstadt e.V., dass der Brunnen auf dem Alten Markt in den Sommermonaten, von Juni bis August, wieder sprudeln durfte.
Eben dieser Verein führte auch wieder Regie zum traditionellen Rostocker Altstadtfest. Unter den riesenhaften Linden war das bunte Markttreiben der Kunsthandwerker bestens beschattet und drei Tage lang sehr gut besucht. Keramiker, Maler, Holz-, Glas- und Schmuckgestalter boten neben Augenfreuden auch überraschende Einblicke in ihre handwerklichen Techniken. Über außergewöhnliche Musikinstrumente, wie die „Ocarina“, die Töne aus Ton erklingen lässt, und zarteste Figuren aus weichgewaschener Schafswolle, wie die Blumenfeen und Co., konnten viele Gäste anerkennend staunen. Atemberaubende Jongleurkünste begeisterten Jung und Alt.
Das Herzstück des Festes aber war im offenen Zelt des Altstadtvereins zu finden. Förderer und Freunde präsentierten hier ihr besonderes Anliegen: die Potenziale der Rostocker Stadtgeschichte und ihrer Arbeit aufzuzeigen. Über Generationen gehegte Fotografien und Grafiken, meist im Eigenverlag herausgegebene Bücher und das Wissen derer, die sich selbst eine illustre Familiengemeinschaft nennen, zogen immer wieder Neugierige an und auch solche, die einst in der Altstadt lebten.
Es kam dazu, wozu es kommen sollte: Kommunikation zwischen völlig Unbekannten, die sich ihre Erinnerungen mitteilten. Da erzählten zwei ältere Herren mit Fingerzeig auf eine Fotografie, wie sie als Jungen noch die Turmreste der Jakobikirche bestiegen (sie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg dann vollends gesprengt, auch die Hintergründe wurden mir verraten). Andere rätselten, wann dieses oder jenes Foto entstanden sei und kamen ins Schwärmen über den „gewissen“ Charme der kleinen Häuser und Industrieanlagen. Die Abrisse der katholischen Kirche am Schröderplatz und des Petritores, sogar Brunnenversetzungen - auch diese Themen bewegen noch immer die Gemüter.
Und die Frauen und Männer vom Altstadtverein setzen sich ein: z.B. für die Klärung von Hintergründen und Beibehaltung von den alten Straßennamen, die von den Gerbern, Fischern und Handwerkern stammen, für die Ehrung von Alt-Bewohnern wie Karl Planeth, für den Wiederaufbau des Petritores und - Panta rhei - für das Fließen der Wasserläufe. Dabei wird eng mit dem Förderverein Petrikirche e.V. zusammengearbeitet, der anlässlich des Altstadtfestes auf vielfachen Wunsch die vergessenen Wendeltreppen in der Kirche hinaufführte.
Panta rhei - griechisch: Alles fließt. In der Östlichen Altstadt ist dies eindrucksvoll zu spüren. Wie in der unverwechselbaren Zeitschrift „OSTPOST“ zu ersehen und nachzulesen, wird Bewahrenswertes vom Altstadtverein behütet und gepflegt (z.B. ganz praktisch im jährlichen Frühjahrsputz) und Neues außerordentlich begrüßt. Die zunehmende Attraktivität dieses Quartiers haben auch Künstler, Galeristen, Handwerker, Gewerbetreibende, Selbstständige und Gastronomen längst für sich entdeckt - und die werden, so gut es geht, unterstützt und einbezogen. Die Türen stehen hier offen. Es wird miteinander gesprochen, gemeinsam an Projekten gearbeitet und viel gelacht.
Rund um die älteste Anhöhe Rostocks tut sich was: allein die letzte sommerliche Kunstnacht hat mehrere hundert Gäste angelockt. Mit Freude beobachte ich die interessierten Touristen, die vorbei am trockengelegten Wasserlauf der Grubenstraße die östliche Altstadt hinaufschlendern und erkunden.
Bei ihren anspruchsvollen Unternehmungen, Tradition und Moderne in Rostock ganz einzigartig zu verbinden, die gemeinschaftliche Kraft zu bewahren - das wünsche ich den Altstadt-Freunden ganz herzlich mit einem Grußwort: „Und nun wohlan!“ *
Viola Harder
* Zitat: Johann Wolfgang von Goethe
Mail: viola.harder(at)freenet.de
Ersetzen Sie bitte das [at] mit dem @Zeichen auf der Tastatur.
Panta rhei - Alles fliesst
Sonntag, 29. August 2010
Foto
Viola Harder
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